Aufbau der Sinfonie

" Dona Nobis Pacem"

1. Satz: Eine Perle der Provinz

Der 1. Satz der Friedenssinfonie nimmt Bezug auf die 6. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Hazel Leach verarbeitet das Kernthema des 1. Satzes „Ankunft auf dem Lande“.

Beethoven schrieb seine 6. Sinfonie in den Jahren 1807/1808. Er beschreibt in den 5 Sätzen dieser Sinfonie mit musikalischen Mitteln Szenen des ländlichen Lebens. In den Sätzen 2 bis 5 illustriert er einen plätschernden Bach mit Vogelgesang, ein lustiges Zusammensein der Landleute, Gewitter und Sturm und die dankbaren Gefühle nach einem überstandenen Gewitter. Der erste Satz trägt die Überschrift: „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“. Das Kernthema hier im Klavierauszug:

(1)
Bei der musikalischen Konzeption der Friedenssinfonie nimmt Hazel Leach bewusst Bezug auf das ländliche Leben. Die Sinfonie ist dem Orchester „grenzenlos“ aus den Kleinstädten Luckau, Lübben (D) und Wschowa (PL) gewidmet. Es ist ein Orchester aus Musikschülern und Freizeitmusikern, das sich in die konzeptionelle Erarbeitung der Sinfonie eingebracht hat. Die Schönheit des ländlichen Lebens mit einem Tick mehr Ruhe, die Verbundenheit zur Natur und das Streben nach Frieden waren und sind die Beweggründe, diese Sinfonie zu üben und mit bestmöglichem Ergebnis zu spielen.
Hazel Leach lässt Beethovens Thema immer wieder auftauchen – in den Klarinetten, in den Streichern, in den Flöten. Im Gegensatz zur Vorlage steht der erste Satz der Friedenssinfonie im 3/4 Takt. Eine besondere Spannung erhält er durch die rhythmische Verschiebung der Taktschwerpunkte in den einzelnen Instrumentengruppen. Während ein Teil des Orchesters im geraden Viertelrhythmus musiziert, haben andere Instrumente den zweiten Taktschwerpunkt auf dem 4. Achtel des Taktes, das im einfachen Walzerrhythmus nicht betont ist.

(2)

2. Satz: Tanz in der Kleinstadt

Der 2. Satz der Friedenssinfonie stellt einen typischen Tanzabend in der Kleinstadt dar. Bekannte Titel für Jung und Alt werden humorvoll verarbeitet.

Im 2. Satz werden populäre Musikstücke der unterschiedlichen Generationen miteinander verknüpft und verarbeitet. Aber es ist keine banale Aneinanderreihung von Zitaten, sondern die durchaus klangvollen Themen der Titel werden in sinfonischer Weise vorgestellt (Exposition) und verändert (Durchführung).
In der Satzeröffnung erklingt nach einem rockigen Schlagzeugintro in den Saxofonen ein Ausschnitt aus dem  Oldie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (Drafi Deutscher, 1965). Dieses Thema beantworten die Flöten und Klarinetten mit einem fugenartig versetzten Thema aus „Einen Stern, der deinen Namen trägt“. Nik P. und DJ Ötzi lagen 2007 mit diesem Titel wochenlang auf Platz 1 der deutschen Charts. Bald steuern die Klarinetten chromatische Läufe (Halbtonschritte) aus dem Evergreen „Ich hab’ das Fräulein Helen baden sehn“ (1926) dem Gesamtklang des Orchesters bei.

(3)

Die Annemarie-Polka ist ein bekannter Volksmusiktitel der Spreewaldregion, der von Jung und Alt gleichermaßen geschätzt, geliebt und getanzt wird. Auch dieser Titel wird neben den russischen Volksliedern „Kalinka“ und „Katjuscha“ hurmorvoll in den Reigen „Tanz in der Kleinstadt“ eingefügt:

(4)
Ebenfalls verarbeitet ist die russische Volksweise „Korobeiniki“ (Hausierer – Straßenverkäufer).
Jugendliche werden die Melodie als Hintergrundmusik vom Gameboy kennen, aber auch als Filmmusik wurde dieses Thema bereits verarbeitet. Im ursprünglichen Text geht es um die Liebe.

(5)


3. Satz: Krieg

Der 3. Satz ist emotional sehr ergreifend. Zunächst leise, dann immer lauter und schneller entwickelt sich eine bedrohliche Atmosphäre, die den Krieg charakterisiert.

Mit einem leisen, absteigenden Basssolo, das von Trommelklängen durchzogen wird, charakterisiert Hazel Leach die zunächst unterschwellige Gefahr.
Es folgt ein Trompetensignal, das abgebrochene „Hejnał Mariacki“. Hejnałs (ung. Dämmerung) sind Signale, die im Mittelalter zur Morgen- oder Abenddämmerung gespielt wurden, um das Öffnen bzw. Schließen der Stadttore anzukündigen. Das Krakauer Hejnał bricht vor seiner Vollendung ab (Przerwany Hejnał), weil der Legende nach der Spieler unvorbereitet von einem Pfeil getroffen wurde. Dieses Signal wird seit 1927 von einigen polnischen Radiosendern zur Mittagszeit ausgestrahlt. Hintergrund ist die Warnung vor den Schrecken des Krieges und die Aufforderung, sich für den Frieden einzusetzen.

(6)

Die französische Marseillaise mit ihrem aufrufenden Beginn erklingt zunächst leise, dann immer lauter und dissonanter, ebenso die französische Hymne „Le Chant du Départ“ (Lied des Aufbruchs). Der Inhalt lautet sinngemäß: Es ist Pflicht, für sein Volk zu leben und wenn nötig zu sterben. Gerade diese Auffassung führte immer wieder zu Kriegen und „Heldentaten“.
Selbst im Original sind absteigende Bassläufe vorhanden. Im 3. Satz der Friedenssinfonie verarbeitet Hazel Leach sowohl die Melodie als auch diese absteigenden Bassläufe, um die Schrecken des Krieges zu charakterisieren.

(7)

Die Musik wird immer lauter und schneller und endet in einer chaotischen Szene, in der jede Instrumentengruppe im eigenen Tempo und eigenem Motiv spielt, bis plötzlich der Höhepunkt mit einem Fortissmo-Dissonantakkord erreicht wird. Die anschließende Generalpause wird durch ein klagendes Basssolo abgelöst, das in Trauer und Aufschreien mündet.
Dieses Solo basiert auf dem Basslauf des 1. Satzes, Teil D. Es ist zwar eine Erinnerung an ungetrübte Zeiten, hier aber wirkt es klagend, da der Zuhörer die absteigenden Halbtonschritte besonders wahrnehmen kann, während es im 1. Satz die Basis für ein fröhliches Miteinander der Instrumente ist.
Den Schluss des Satzes bildet ein choralähnlicher Abschnitt.

4. Satz: Brücken des Friedens mit Schlusschor „Dona Nobis Pacem“

Zunächst mahnend, dann aber voller Zuversicht und Lebensfreude zeigt sich der 4. Satz.
Im 4. Satz werden die Elemente Musik, Sprache und Gesang miteinander verbunden.

Im ersten Teil werden Texte zur Musik gesprochen. Es handelt sich nicht um erfundene Inhalte oder abgewetzte Friedensformeln. Vielmehr wird an tatsächlich in den vergangenen Kriegen stattgefundene Familienschicksale der Mitwirkenden dieser Aufführung oder deren Freunde aus anderen Ländern erinnert. Diese Familienschicksale werden in der jeweiligen Landessprache gesprochen. Zwischen diesen Textbeiträgen erklingen Motive aus den Sätzen 1 bis 3.
Im 2. Teil des Satzes wird der Kanon „Dona Nobis Pacem“ zunächst unisono vorgetragen und dann zu einem ergreifenden Finale entwickelt. „Dona Nobis Pacem – gib uns Frieden“, dieser lateinische Ausspruch kann wie die Sprache der Musik von allen Menschen gleichermaßen verstanden werden, unabhängig von ihrer nationalen Herkunft. Der Mensch als Teil der Schöpfung soll sich auf seine schöpferischen Kräfte besinnen und aktiv werden.
Frieden geschieht nicht von allein, sondern durch tägliche Anstrengungen, durch das Bemühen, den anderen zu verstehen und durch „Brücken des Friedens“.
Mit diesen Brücken können Menschen unterschiedlicher Nationen zusammengeführt werden, um an gemeinsamen Vorhaben und Werken zu arbeiten. So wie in dieser Sinfonie Jugendliche und Erwachsene aus verschiedenen Nationen miteinander singen und musizieren, sich zu Proben treffen, sich auf deutsch, polnisch, russisch, englisch, französisch,  …. unterhalten und feststellen: Ja, es gibt unterschiedliche Auffassungen, es gibt eine andere ethnische Herkunft, es gibt vielleicht einen anderen Glauben, aber es gibt keinen Grund, den anderen Menschen zu bekämpfen oder zu töten.

(8)



An diesen Kanon schließt sich ein letzter, kurzer Instrumentalteil an. Über einer ruhigen Bassführung steigern sich die melodieführenden Instrumente in Wellen zu einem strahlenden Schlussakkord.